Wie der Verein den Krähenteich vor Investoren rettete …
„Jetzt ist Schluß mit dem Badespaß am Krähenteich“, titelten die Lübecker Nachrichten im Mai 1999. „Die Besucherzahlen in der Badeanstalt Krähenteich sind in den letzten beiden Jahren - nicht nur witterungsbedingt - dramatisch zurückgegangen, von früher durchschnittlich 40.000 auf 2.497 (1997) bzw. 2.326 (1998) Besuchern je Saison“, hatten die Stadtwerke kurz vorher, im April 1999, in einem Bericht festgehalten. „Ein wesentlicher Grund für den Rückgang der Besucherzahlen ist sicher auch die empfindliche Wasserqualität im Krähenteich, die ihre Ursache in der schwachen Durchströmung hat. Der Krähenteich reagiert bei starker Sonneneinstrahlung sehr schnell und intensiv im Hinblick auf die Ausbildung der Blaualgenblüte und die Entwicklung hoher Anzahlen von coliformen Keimen; beide Phänomene machen die Anordnung von Badeverboten erforderlich.“
Vier Investoren hatten sich gemeldet, die das Grundstück kaufen wollten. Den Bürgerschaftsabgeordneten schwebte eine „Wohn- oder Grünflächennutzung“ vor. Allerdings galt das Grundstück als „Grabungsschutzgebiet“ - Archäologen vermuten unter der Erde „Bodendenkmale“ - Spuren von Siedlern, womöglich, weil das Gelände direkt vor der alten Stadtmauer liegt. „Nun hoffen die Stadtwerke, daß sich ein Anwohnerverein gründet. Mit ihm könnte ein Nutzungsvertrag abgeschlossen werden“, schrieb die LN.
In der Bevölkerung regte sich Protest. „Daß ausgerechnet private Investoren einen der schönsten Naherholungsräume Norddeutschlands erhalten werden, soll wohl ein verspäteter Aprilscherz sein“, schrieb Helmut Scholz an die LN. „Über kurz oder lang“ würden „lukrative Eigentumswohnungen erzwungen werden“, fürchtete er. „Der schöne öffentliche Raum wäre damit vernichtet.“
Die Abgeordneten der Bürgerschaft diskutierten lebhaft. Eine bewachte Badestelle hätte 90.000 Mark gekostet, zuzüglich 35.000 Mark an Instandhaltung. SPD und CDU stimmten dafür, den Krähenteich wenigstens als unbewachte Badestelle zu erhalten. Die Grünen waren dagegen: Kinder und Jugendliche könnten ertrinken. Sie setzen sich mit ihren Bedenken nicht durch. So durfte am Krähenteich weiter gebadet werden, allerdings ohne Aufsicht.
„Am nächsten Freitag kann der Badespaß beginnen - unbewacht“, meldeten die LN am 25. Juni 1999. „Bereits im kommenden Jahr soll der Krähenteich wieder bewachte Badestelle sein. Derzeit werden Investoren gesucht“, hieß es Anfang Juli 1999.
Ein paar Monate später, im Dezember, war „die Zukunft des Freibades … weiter ungewiss.“ Die Stadt zauderte, ein Investor war abgesprungen. Der Protest riss nicht ab. Leserbriefschreiber Scholz schrieb an die Fraktionen der Lübecker Bürgerschaft: „Zusammenfassend ist der Eindruck festzuhalten, daß offensichtlich systematisch daran gearbeitet wurde, die Attraktivität des Freibades zu verringern, die Gäste zu verprellen und so der Öffentlichkeit die Schließung plausibel machen zu können. Privatisierung als mögliche Rettung des Freibades hinzustellen, ist doch wohl eine Verhöhnung der Bürger und Wähler.“
Eine „Planungsgemeinschaft Krähenteich“ sollte schließlich den Zuschlag bekommen - die „letzte verbleibende Investorengruppe“, wie die LN Ende Dezember 1999 schrieb. Dafür hatte sich die Bürgerschaft in einem nicht öffentlichen Teil der Sitzung entschieden. Sie hatte 750.000 Mark für das Gelände geboten. „Eine bebaute Teilfläche des Grundstücks des Freibades Krähenteich zur Größe von ca. 2.220 Quadratmeter ist zum Preis von DM 750.000 an die Planungsgemeinschaft Krähenteich … oder von dieser zu benennenden Dritten zu verkaufen“, stand in einem Bericht vom 27. April 2000, unterschrieben vom Bürgermeister.
So schien es eine Farce, dass die Stadt sieben Monate später, im Dezember 2000, großformatige Anzeigen schaltete: „Badeanstalt Krähenteich ,An der Mauer’ am Rande der Lübecker Altstadt, Landfläche ca. 2.200 Quadratmeter, davon bebaut ca. 756 Quadratmeter zu verkaufen. Das Grundstück wird unter der Bedingung veräußert, das Freibad in der Badesaison täglich vom 1.6. bis 15.9. eines jeden Jahres als öffentliche und bewachte Badestelle einzurichten, zu betreiben und zu unterhalten.“
Leserbriefschreiber Helmut Scholz ließ nicht locker: „Daß die Politiker … der Bevölkerung … weismachen wollten, private Investoren, die doch Renditen erwirtschaften wollen, würde der Stadt die Verantwortung für einen der schönsten Naherholungsräume Norddeutschlands abnehmen, war der Gipfel der Heuchelei“, schrieb er den LN. In den „Bürgernachrichten“ erschien ein „Nachruf“ auf die Badeanstalt: „Nach vielen Jahren schmachvoller Drangsalierungen verstarb am 26.4. während einer Bürgerschaftssitzung unsere geliebte, wunderschöne Krähenteich-Badeanstalt.“
Im Aegidienviertel fanden sich Anwohner und Anwohnerinnen zusammen, die den Krähenteich retten wollten. Sie gründeten den „Förderverein Altstadtbad Krähenteich“.
„Er ist klein, aber höchst motiviert: Der neue Förderverein für den Krähenteich“, meldete die LN. Zwölf Mitglieder hatte der Verein. Vorsitzende waren Norbert Franke und Gerswintha Kirstein. „Die mehr als 100 Jahre alte Badestelle ist ein einmaliges Freizeitangebot für das Aegidienviertel und die gesamte Innenstadt“, sagte Katharina von Radow, eines der Gründungsmitglieder, den LN. Bedenken, dass der Verein scheitern könne, habe sie nicht. Der Förderverein Flussbad Falkenwiese habe „es schließlich vorgemacht“.
Auch das Bad an der Falkenwiese war von der Schließung bedroht gewesen. Innerhalb eines Jahres war es dem Verein gelungen, „die Badeanstalt auf Vordermann zu bringen“. Katharina von Randow wusste auch, wie der Verein das geschafft hatte: „Die haben alle Töpfe angezapft, die es nur gibt. Das Engagement ist entscheidend.“ Der Verein ließ Flugblätter drucken, verteilte sie in der Stadt, warb für „12 Mark Jahresbeitrag“ um Mitglieder.
Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, denn noch immer versuchte die Stadt, das Grundstück zu verkaufen. Die Badestelle war unterdessen geschlossen worden. Grund war die „zu starke ,Verkrautung’ der Badestelle.“
In der integrativen Kindertagesstätte in der Weberstraße 3, lud der Verein am 8. August 2001 zum „Ideenaustausch“. Zehn Tage später stand das erste Konzept: „Die Zäune sollen weg“, titelte die LN. Es schien wie der Kampf des Hirtenjungen David gegen den Riesen Goliath. Die Stadt, die das Gelände verkaufen wollte, gegen den kleinen Verein, der das Freibad erhalten und behalten wollte. „Das ist doch eine Verhöhnung“, schimpfte Jürgen Kümmel auf die Stadt. „Wenn hier gebaut wird, bleibt höchstens ein handtuchbreiter Abschnitt übrig, auf dem sich maximal 50 Besucher wie die Sardinen nebeneinanderlegen können.“
Der Verein wuchs, hatte inzwischen 40 Mitglieder und lud zum Sommerfest. 150 Menschen kamen, gingen zum Krähenteich und rüttelten an den Zäunen. Kinder malten, wie sie sich die Badeanstalt vorstellten. Der Verein sammelte Unterschriften. Innerhalb von zwei Stunden sprachen sich rund 500 Lübecker und Lübeckerinnen mit ihrer Unterschrift gegen den Verkauf aus. Doch die Stadt trieb den Verkauf weiter voran, ging sogar mit dem Preis runter. Noch immer sollte die Planungsgemeinschaft Krähenteich den Zuschlag bekommen - für 700.000 Mark. Von der Forderung, im Gegenzug eine bewachte Badestelle zu verlangen, war die Stadt inzwischen abgerückt. Die Planungsgesellschaft wollte auf dem Areal Wohnungen bauen. Lübeck habe genug Bauland, schimpfte Katharina von Randow in den LN. Sie war inzwischen Pressesprecherin des Vereins. „Wir wollen, dass die wunderschöne Fläche zu einer echten Badeanstalt wird.“ Bei der Ausschreibung bot der Verein eine symbolische Mark. Immer mehr Leute meldeten sich zu Wort. „Es wäre doch wirklich eine Schande, sollten Gewinnlust oder ,Fortschritt’ es dazu bringen, ein bißchen Lübecker Geschichte auszuradieren. Ich habe in den 30er-Jahren als Schüler im Krähenteich Schwimmen gelernt“, schrieb Ex-Lübecker Hans-Heinrich Boeker aus Australien an die Stadtzeitung. Der Verein verhandelte mit der Stadt und verhandelte und verhandelte (im Rücken immer mehr Lübecker und Lübeckerinnen) und setzte sich schließlich durch.
Am 2. Juni 2002 - vier Jahre nach der letzten „bewachten“ Saison 1998 - wurde das Freibad wieder eröffnet. Die Saxophonband des Johanneums spielte. Sozialsenator Wolfgang Halbedel (CDU) kam und versprach: „Man werde alles daran setzen, dass auch noch die nächste Generation dort baden könne.“ Schon gegen Mittag war es auf der Wiese brechend voll. „Förderverein erreichte die Wiedereröffnung des Krähenteich-Bades“, titelten die LN. „Nach langen Verhandlungen mit der Stadt fiel am Sonntag endlich der Startschuss für eine neue Ära im Altstadtbad. Inzwischen hatte der Verein 200 Mitglieder. Er finanzierte sich durch eine Spende der Gemeinnützigen und den Mitgliederbeiträgen.
Für drei Sommermonate hatte der Förderverein das Bad gepachtet - „für einen symbolischen Preis“. Das Bad war an drei Tagen in der Woche geöffnet. Der Eintritt kostete für Erwachsene einen Euro, für Kinder 50 Cent. Auch eine Schwimmaufsicht war gefunden worden. „Wir müssen einfach schauen, wie es läuft“, sagte Gerswintha Kirstein gegenüber der Stadtzeitung. Es lief.
Und läuft. Der Verein hat inzwischen über 800 Mitglieder. Er finanziert sich über die Mitgliederbeiträge, Einnahmen und Spenden. Der Steg ist kürzlich erneuert worden, die Elektrik wurde technisch grundüberholt, die Sauna ist gerade instandgesetzt worden. Im Februar wird gewettet: Traut sich jemand ins Wasser? Und wenn ja, wie viele? Flohmärkte und Konzerte finden statt. Die Räumlichkeiten am Teich werden für Veranstaltungen vermietet. Noch immer lernen viele Kinder im Krähenteich schwimmen. Rund 30.000 Besucher schwimmen pro Saison im Krähenteich.
2025 gibt es drei Gründe zu feiern: Die erste Eröffnung 1900, die zweite 1955 und nicht zuletzt die Gründung des Vereins 2001, der den Krähenteich mit Unterstützung aus der Bevölkerung vor Investoren gerettet hat.
Es hat sich viel getan. Viele Probleme von heute ähneln denen von 1900. Personal ist schwer zu finden, die Sache mit der Geschlechtertrennung hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. Über Wasserqualität und Wasserpegel wird gestritten. Nur eines hat sich nicht geändert: Der Verein ließ den Grund des Teiches mähen, aber es krautet im Teich. Wie vor 125 Jahren.
Altstadtbad Krähenteich